Oxytocin wird häufig als „Kuschelhormon“ bezeichnet. Der Botenstoff spielt unter anderem bei sozialer Nähe und Bindungsverhalten eine Rolle. Eine Studie der Universität Bonn aus dem Jahr 2013 untersuchte, wie Oxytocin bei Männern in festen Partnerschaften die Wahrnehmung der eigenen Partnerin beeinflussen kann.

Was die Studie untersucht hat

Für die Untersuchung erhielten 40 Männer, die sich in einer festen heterosexuellen Beziehung befanden, entweder Oxytocin über ein Nasenspray oder ein Placebo. Anschließend betrachteten sie unter anderem Bilder ihrer Partnerin und anderer Frauen, während ihre Gehirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht wurde.

Unter dem Einfluss von Oxytocin zeigte sich beim Anblick der eigenen Partnerin eine stärkere Aktivierung bestimmter Bereiche des Belohnungssystems. Die Forscher interpretierten dies als möglichen Hinweis darauf, dass Oxytocin Prozesse unterstützen kann, die mit partnerschaftlicher Bindung verbunden sind.

Oxytocin ist mehr als ein „Kuschelhormon“

Die populäre Bezeichnung ist eingängig, vereinfacht die Wirkung von Oxytocin aber erheblich. Der Botenstoff ist an verschiedenen körperlichen und sozialen Prozessen beteiligt und wird beispielsweise im Zusammenhang mit Geburt, Stillen, Sexualität und zwischenmenschlicher Nähe erforscht.

Wie Oxytocin auf menschliches Verhalten wirkt, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Nähe, Vertrauen und Bindung lassen sich nicht auf die Wirkung eines einzelnen Hormons reduzieren.

Was lässt sich daraus über Beziehungen ableiten?

Die Studie liefert einen interessanten Einblick in mögliche biologische Prozesse partnerschaftlicher Bindung. Sie zeigt jedoch nicht, dass Oxytocin Menschen „treu macht“ oder darüber entscheidet, wie stabil eine Beziehung ist.

Beziehungen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von persönlichen Erfahrungen, Gefühlen, Verhalten, sozialem Umfeld und auch biologischen Prozessen. Gerade deshalb sind solche Forschungsergebnisse interessant – solange man aus ihnen nicht mehr ableitet, als tatsächlich untersucht wurde.

Nähe und Bindung im persönlichen Erleben

Auch unabhängig von biologischen Erklärungen erleben Menschen Nähe sehr unterschiedlich. Für manche bedeutet sie Sicherheit und Verbundenheit, für andere kann gerade größere Nähe Unsicherheit oder den Wunsch nach Rückzug auslösen.

In der psychologischen Begleitung kann es deshalb interessant sein, genauer zu betrachten, wie jemand Bindung erlebt, welche Erfahrungen dabei eine Rolle spielen und was Nähe oder Distanz in Beziehungen jeweils auslösen.

Quelle: Scheele D. et al. (2013): Oxytocin Enhances Brain Reward System Responses in Men Viewing the Face of Their Female Partner. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 110(50), 20308–20313. DOI: 10.1073/pnas.1314190110.

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Christian Niederreiter
Heilpraktiker für Psychotherapie
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